Geschichte

Nautischer Sachverstand seit 1869 | Maritimer Handlungsbedarf | Die Mitgliedschaft im Deutschen Nautischen Verein
Das Schiffahrtsparlament | Ein Neubeginn | Schiffahrt braucht Kommunikation | Sachverstand erhalten

Nautischer Sachverstand seit 1869

Nautik wurde im 19. Jahrhundert als ein Synonym für das Seewesen verwendet. Da zu der Zeit viele Schiffsführer gleichzeitig auch Eigner der Schiffe waren, bekam die Berufsbezeichnung Nautiker die Bedeutung für die dann auch angestellten Inhaber von Seepatenten als Kapitän oder Schiffsoffiziere. Die Nautischen Vereine an Nord- und Ostsee sind allerdings keine Ansammlungen von Nautikern, wenn diese auch oft die meisten Mitglieder stellen, sondern Gemeinschaften von Seefahrtssachverständigen und an der Seefahrt Interessierten, denen das Seewesen ein besonderes Anliegen ist.

Maritimer Handlungsbedarf

Es gab bereits Nautische Vereine, als am 14. April 1868 im Berliner "Hotel d’ Hambourg" der Deutsche Nautische Verein (DNV) gegründet wurde. Mit dem dann erfolgten überregionalen Zusammenschluß in dem von vielen eigenständigen Fürstentümern und Städten geprägten Deutschland sollten anstehende Probleme der Schiffahrt in Deutschland mit einer Stimme behandelt und einer fachlichen Beratung unterzogen werden. dabei ging es um Themen wie Sicherheit an Bord und auf den Schiffahrtswegen, Schiffsbesetzung, allgemeine Fachfragen, die Untersuchung und Verfolgung von Unfallgeschehen und anderes.

Zur Zeit der Gründung gab es als Organisationen des Seewesens oder der Nautik, elf Schiffervereine, von denen fünf durch Delegierte in Berlin präsent waren und zehn Nautische Vereine oder Gesellschaften, die fünf Vertreter entsandt hatten. Zwei Jahre später gehörten dem Deutschen Nautischen Verein sieben Schiffervereine und fünf alte Nautische Vereine an, darunter der Nautische Verein zu Kiel. Zu den konkreten Gründen für eine Vereinigung der nautischen, also der Schiffahrtsinteressen im 19. Jahrhundert zählten u.a. vier Themen, die auf der zweitägigen Gründungsversammlung behandelt wurden.

  • Vielfach galt Mitte des 19. Jahrhunderts noch der Grundsatz, daß Strandgut Eigentum des Finders war. Das führte dann zu unliebsamen Folgen für die Menschen, die noch an dem Strandgut hingen und die zu der Zeit als Leibeigene des Finders angesehen werden durften. Das war zwar mit der Gründung der Deutschen Gesellschaft zur Rettung Schiffbrüchiger 1865 bereits anders geworden, es wurde aber generell für eine neue Strandungsordnung plädiert und dieses Thema auf der ersten Sitzung des neu gegründeten Deutschen Nautischen Vereins im Jahre 1868 beraten.
  • Ein weiteres Thema war die strafrechtliche Verfolgung und Untersuchung von Unfallereignissen in der Schiffahrt, die bis dato nur von Richtern ohne Kenntnisse der Schiffahrt behandelt wurden. Das wollte die deutsche Schiffahrtswelt nicht mehr hinnehmen und forderte deshalb spezielle Seegerichte.
  • 1868 ging es auch um die Position des Kapitäns, und zwar um das "Recht, ein Schiff zu führen". Hintergrund war hierfür vor allem die unterschiedliche Gesetzgebung in den Seestaaten des Norddeutschen Bundes. Gefordert wurde 1868, daß zur Führung eines deutschen Schiffes jeder zugelassen sein müsse, der den Nachweis geliefert hat, "daß er zu diesem Amte befähigt ist". Das Thema der Schiffsführung hat die Nautischen Vereine aber über die Jahrzehnte immer wieder bewegt und zu Stellungnahmen veranlaßt. Die Verantwortung des Führers eines Schiffes ist nun einmal ein wesentlicher Aspekt für die Sicherheit an Bord und auf See und damit für die Menschen.
  • Ein viertes Thema der Gründungsversammlung befaßte sich mit der Einrichtung einer Stelle, von der man Unterlagen für eine sichere Navigation bekommen konnte. Diese war mit der Gründung der Norddeutschen Seewarte durch Wilhelm von Freeden im gleichen Jahr bereits geschaffen worden. Einig waren sich die Delegierten 1868, diese Einrichtung auch anzunehmen, fachlich zu begleiten und zu unterstützen.

Die Mitgliedschaft im Deutschen Nautischen Verein

Auf Sinn und Wert der Mitgliedschaft eines Nautischen Vereins im DNV wurde 1870 von dem damaligen Vorsitzenden, dem Bremer Kapitän Tecklenborg, in der Zeitschrift HANSA eingegangen. Die Zeitschrift war so etwas wie ein Pate des Deutschen Nautischen Vereins, wurde schon bald dessen offizielles Organ und ist dies noch heute. Der DNV-Vorsitzende verwies vor 136 Jahren auf den Nutzen, der aus den zugesandten Verhandlungsprotokollen und Denkschriften von den Mitgliedern der Bezirksvereine gezogen werden könne. Außerdem konnte, wie er es nannte "an einer großen nationalen Arbeit" mitgewirkt werden. - Freilich könnten die Mitglieder keinen direkten materiellen Vorteil erwarten. Der Deutsche Nautische Verein könne weder die Frachten erhöhen, noch die Abnutzung der Schiffe und Gerätschaften vermindern, aber indirekt dennoch eine Vermehrung des Erwerbs durch die Schiffahrt zu Wege bringen. Zu diesen zählte der DNV-Vorsitzende die Verbesserung des Tonnen-, Baken- und Lotsenwesens, die Aufhebung von regional bezogenen Schiffahrtsabgaben, die Errichtung von Zweigstationen der Seewarte, die Verbesserung und Vereinfachung der Gesetzgebung in Seesachen, die Gründung von Seegerichten.

Vor nunmehr gut zwanzig Jahren hatte der damalige Vorsitzende des Nautischen Vereins zu Kiel, der Seelotse Kapt. Werner Kossyk, die Mitgliedschaft in einem Nautischen Verein so umschrieben: "Wir wollen von unseren Mitgliedern die engagierte und unbedingte Mitarbeit bei allen maritimen Themen und verlangen dafür dann auch noch die Zahlung ihrer Mitgliedsbeiträge."

Nicht alles, was der DNV-Vorsitzende Tecklenborg 1870 als Gründe für eine Mitgliedschaft im Deutschen Nautischen Verein anführte, hat heute so seine Gültigkeit, manches ist jedoch noch von dem gleichen Wert wie damals. Vor allem die Vorstellung, der Schiffahrt in Deutschland den gehörigen Stellenwert zu geben, ist weiterhin aktuell geblieben.

Das Schiffahrtsparlament

In den Jahren bis zum Ersten Weltkrieg galt der Deutsche Nautische Verein als "Schiffahrtsparlament". Es gab, so ist es in den Protokollen nachzulesen und so wird es in vielen Rückschauen der Folgezeit immer wieder herausgestellt, in der Zeit des einheitlichen maritimen Aufbaus in Deutschland kaum eine Entwicklung im deutschen Seewesen, die nicht vom Deutschen Nautischen Verein initiiert, beraten und in die parlamentarische Arbeit eingebracht worden war. Die Delegierten auf den jährlichen Verbandstagen - meist zwei- oder auch dreitätige Beratungen in Berlin - behandelten ganz konkrete Themen wie z.B. Ruderkommandos, Art der Seitenlichter, Besetzung der Seeämter mit Reichskommissaren, den Bau des Nord-Ostsee-Kanals (bereits 1872), spezielle Fragen der Betonnung und Befeuerung an den deutschen Küsten, Besetzung der Schiffe mit nautischen und technischen Patentinhabern/Schiffspersonal, Kollisionsverhütung, Revision des Strandrechtes, Rettung von Menschen und ... und ...

Unter der langjährigen Ägide des Kieler Schiffahrtsmannes Konsul August Sartori, hat sich die nautische Gemeinschaft u.a. eingehend und unterstützend mit den Plänen zum Bau eines für die großen Schiffe nutzbaren Kanals zwischen Nord- und Ostsee eingesetzt. Natürlich hat der Kieler Kaufmann dabei die Verwirklichung seiner Interessen als Makler und Reeder gesehen, letztlich aber standen hinter ihm die Ansichten der Nautischen Vereine, die sowohl eine wirtschaftliche Verbesserung aber zu Recht ebenfalls eine größere Sicherheit für die Schiffahrt zwischen den beiden Meeren sahen.

Die nach dem Ersten Weltkrieg folgenden Jahre brachten für die nautische Gemeinschaft größere Änderungen. Sachthemen und Fragen der Schiffahrt wurden jetzt meist auf den 1909 erstmals mit dem Verband Deutscher Seeschiffer-Vereine ausgerichteten Deutschen Seeschiffahrtstagen behandelt, spezielle Fragen in sog. Kommissionen beraten. Auf den zweitägigen Seeschiffahrtstagen, bis zum Ersten Weltkrieg in der Reichshauptstadt Berlin, waren wie zuvor auf den DNV-Verbandstagen hochrangige Vertreter der Reichsregierung und der politischen Parteien anwesend, die aus den Diskussionen und Beratungsergebnissen Kenntnisse und Erkenntnisse für die parlamentarische Arbeit auf- und mitnahmen.

Dann wurde diese Kommunikationsmöglichkeit mit dem unseligen Dritten Reich rigoros beendet. Die Deutsche Nautische Verein wurde mit seinen Mitgliedsvereinen zu einem zwangsverwalteten Organisationsteil der Partei, bei dem die bis dahin frei gewählten Organe in den regionalen Nautischen Vereinen vom DNV - nach Absprache - bestimmt und von der Partei akzeptiert werden mußten. Es gelang dennoch, die wesentlichen maritimen Sachthemen zu behandeln und den Menschen in der deutschen Seeschiffahrt eine Basis für fachliche Beratungen zu geben. Nicht zuletzt der Persönlichkeit des Hamburger Reeders Herbert Amsinck als Vorsitzendem ist hier zu verdanken, daß die Menschlichkeit erhalten blieb. Bis in die ersten Tage des Jahres 1945 konnte der DNV seine Arbeit mehr schlecht als recht fortsetzen, dann wurden bei einem Bombenangriff alle Unterlagen vernichtet.

Ein Neubeginn

Nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges ruhte die Arbeit des DNV gänzlich und erst 1954 begann auf Initiative der bereits seit einigen Jahren wieder tätigen Nautischen Vereine in Bremen, Bremerhaven, Hamburg und Lübeck sowie auf Bitten des damaligen Leiters der nunmehr für die deutsche Seeschiffahrt zuständigen Abteilung Seeverkehr des Bundesverkehrsministeriums ein Neubesinnen. Mit dem Abteilungsleiter des BMV, Ministerialdirektor Dr. Karl Schubert, wurde dann auch vereinbart, daß der Deutsche Nautische Verein immer dann um Stellungnahmen angegangen wird, wenn die Bundesländer zu maritimen Themen gefragt sind. Den einzelnen Nautischen Vereinen steht hier die Aufgabe der intensiven Beratung und Zulieferung zu sowie ganz allgemein die Behandlung regional bezogener Themen und Sachverhalte.

Mit dem Neubeginn nahmen auch die Fachkommissionen ihre beratende Tätigkeit wieder auf. Die durch den Krieg und danach erfolgte Renaissance in der Schiffahrt und der Schiffstechnik verlangte eine intensive Arbeit der vielfältigen Themen. Ende der 60er Jahre wurde die Arbeit so umfangreich, daß diese nicht mehr von den sporadisch tagenden Kommissionen bewältigt werden konnte. Der damalige Geschäftsführer, Regierungsdirektor Kapt. Emil Memmen, schuf den Ständigen Fachausschuß, der von der Mitgliederversammlung in der geänderten Satzung 1972 etabliert wurde und seither die fachliche Arbeit der nautischen Gemeinschaft koordiniert. Aus dem anfänglich acht Herren umfassenden Gremium ist inzwischen ein Instrument geworden, dem mehr als 80 Damen und Herren sowie angehören. Diese Mitglieder setzen sich, soweit es ihr Tagesgeschäft zuläßt, monatlich und meist in Hamburg zu intensiven Beratungen zusammen.

Schiffahrt braucht Kommunikation

Auch heute liegt der Nautischen Gemeinschaft mit dem DNV an der Spitze, den 20 regionalen Vereinen mit derzeit mehr als 4.600 Mitgliedern und den 45 korporativen Mitgliedern viel daran, der Seeschiffahrt in Deutschland den Stellenwert zu geben, der diesem nicht nur für die Küsten wichtigen Wirtschaftszweig zukommt. Hierzu suchen wir die Aussprache mit den für die Schiffahrt in Deutschland zuständigen Verkehrsministerien in Bund und Küstenländern, laden zu Diskussionsveranstaltungen nach Bonn und Berlin ein sowie alle drei Jahre eben zu den Deutschen Seeschiffahrtstagen. Der "Deutsche Seeschiffahrtstag" wurde schnell zu einem geachteten Synonym für die fachliche Beratung anstehender Themen im maritimen Bereich und zu Situationsdarstellungen in Schiffahrt, Schiffbau, Hafenwirtschaft sowie der in diesen Bereichen tätigen Menschen.

Sachverstand erhalten

Die heute zwischen Saßnitz und Emden bestehenden 20 Nautischen Vereine setzen also gemeinsam mit dem Deutschen Nautischen Verein die vor nun 138 Jahren begonnene Arbeit der sachlichen Beratung anstehender Themen fort. Hierzu ist der Ständige Fachausschuß das gemeinsam getragene Gremium, in dem die Themen intensiv beraten und die Vorlagen verabschiedet werden. Zur Transportierung der Fragen und der Ergebnisse dienen neben den alle drei Jahre stattfindenden Deutschen Seeschiffahrtstagen, die seit 1972 auch unter der Schirmherrschaft des jeweiligen Bundespräsidenten stehen, auch die seit 1990 erst in Bonn und jetzt in Berlin veranstalteten Nautischen Abende sowie seit 2002 die in Bonn veranstalteten "Maritimen Dialoge" und ganz gezielt auch Seminare oder Gesprächsrunden.

Sachverstand muß erhalten bleiben. Auch dafür plädiert die nautische Gemeinschaft. In der Schiffahrt und den anderen Bereichen des maritimen Umfeldes dominiert nach wie vor der praktische Einsatz, in dem der Mensch als wesentlicher Teil etwas Besonderes darstellt. Dafür muß er entsprechend geschult und motiviert sein. Die schrecklichen Unfälle der jüngsten Vergangenheit haben hier deutlich gemacht, daß bei einem Manko menschlichen Einsatzes Katastrophen nicht auszuschließen sind.

Der Deutsche Nautische Verein mit den Gremien Beirat und Ständiger Fachausschuß behandelt Fragen und Probleme der maritimen Welt bewußt neutral, also auch weder arbeitgeber- noch arbeitnehmergebunden. Im Vordergrund steht nach wie vor die fachliche Behandlung aktueller Fragen und Themen. In erster Linie zählen dazu weiterhin die satzungsgemäß verankerten Themen der Sicherheit in der Seeschiffahrt und die Besetzung der Schiffe mit qualifiziertem Personal sowie auch der Schutz der Umwelt.

Weiterhin ist der Deutsche Nautische Verein als Ansprechpartner für Politik und Verwaltung ein lebendiges Gremium, das sich um die Belange der deutschen maritimen Industrie müht. Mit fachlichen Beiträgen agiert er als ein Katalysator der Meinungen und kann so manches Mal, wenn auch häufig nur mit sehr kleinen Schritten bewegen, was manchmal verkrustet in der Entwicklung stehen geblieben ist. Es gibt allerdings auch Entwicklungen und Situationen, bei denen wir uns mit vielen anderen im Kreise bewegen. Dabei den Mut nicht zu verlieren, erfordert schon eine gehörige Portion Selbstbewußtsein aber auch Stehvermögen. In einer großen Gemeinschaft, wie es der nach wie vor wachsende Deutsche Nautische Verein ist, ist auch dieses möglich.

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